ave

ave corona, morituri te salutant – denke ich, da mich die Warnapp anfunkt, in grell brutalem Rot – ich bin dem Virus begegnet – dabei bin ich nicht mal ausgegangen. Unschuldig fühle ich mich schuldiger als es sich meine ärgsten Feinde wünschten – verletzlicher als ich selbst.

immun

Dieser Tage, da das Impfen langsam spürbar wird, drucken die Zeitungen fast demütig klingende Texte ihrer „edlen Federn“ – dankbare Berichte, bescheidene Essays, ernste Glossen – von zweckentfremdeten, zuvor nicht immer gewürdigten Schauplätzen einer unerhörten Erfahrung. Ehern Einzelkämpfende jenseits der Sechzig treten da glückhaft vor der Zeit aus einem großen Impfzentrum und suchen zu fassen, was ihnen geschehen ist, nicht ohne Reminiszenzen aufzulesen, Bilder anonymer Arbeitswelt, Szenen aus Science-Fiction, utopische Architektur, gelenkte Massen, die winzige Kreatur und das globale Virus. Als habe, was ihnen dank guter Organisation und junger Hilfskräfte zuteil wurde, das ursoziale Wesen geweckt und aus einsamen Fürsten des Geistes Leute unter Leuten gemacht, dankbar Teil einer Herde, im Arm den erlösenden Stich, weniger scharfsinnig oder empfindsam denn einfach herrlich immun.

tschuldigung

Selten wirkt eine politische Geste so ambivalent wie Merkels Ohnmachtsdemonstration nach dem Debakel zur pandemischen „Osterruhe“. Sie wirft sich in den Staub, um ihren Führungsanspruch zu behaupten, gibt sich ohnmächtig zur Behauptung der Macht. Diese Bitte um Verzeihung – herrisch, entwaffnend, angebracht, falsch, alles auf einmal. Auf einmal wirkt das politische Chaos (oh Unordnung!) fein dialektisch, die Kommentare oszillieren zwischen tiefer Verachtung und echter Bewunderung. Später im Interview wird das Offensichtliche offensichtlich. Ein Fehler ist passiert, ein Zeichen von Schwäche, das zur Demonstration der Stärke eingestanden werden kann. Wer Verantwortung trägt, trägt Verantwortung – nur wer weiß, wohin.