frei

Neulich, auf dem Weg durch die Stadt, überholte ich einen kleinen Umzug, kaum mehr als ein Dutzend Menschen, die langsam, eskortiert von Polizei, über eine gesperrte Straße zogen, um für ihre in den Lagern Libyens gefolterten Landsleute zu demonstrieren. Stop killing… . Der Taktgeber lief neben einem ´Feuerwagen her, auf dem Dach die großen Lautsprecher. Stop killing Eritrean refugees in Libya. Dahinter, in dünne Jacken gehüllt, der versprengte Trupp der Übrigen, jedes der Worte wie im Kanon spiegelnd: Stop…, stop…, stop…, stop das Töten… . Ein Mann am Straßenrand meinte in stark gebrochenem Deutsch, das bringe ja nichts, sei schlecht organisiert, niemand werde sie verstehen. Die verzerrte Stimme des Rufers, ihr kurzes Echo im Novembernebel, die stoischen Polizisten, die Leere der Straße, der Gleichmut der Passanten – selten schien mir Freiheit einsamer.

animal

Manchmal, wenn ich wirr bin oder nur müde von der tiefen Rationalität des Alltags, bleibe ich vor den Stäben stehen, hinter denen bei Rilke nichts mehr ist, keine Welt, und betrachte den Hunger des Raubtiers, eines Boxers, eines raging bull, eines Emporkömmlings, eines echten Machtmenschen. Sehe ihm in die Augen, die manchmal gar zurückstarren. Warum bin ich fasziniert, hässlich angezogen? Hasse ich doch die Testosterongesteuerten, immer zum nächsten Kampf Bereiten, die vor dem ersten Schlag auftrumpfen, die von Sieg zu Sieg, und seien es Niederlagen, jagenden Tiere, für die wir im griechischen Alphabet den ersten Buchstaben reserviert haben. Schätze ich doch die Zweifler, die Zögernden, auf den zweiten Blick noch schwach Wirkenden. Eigentlich. Ich wende mich in dem Moment ab, da sie dann doch verlieren. Natürlich sehe ich die brutale Angeberei eines Donald Trump, Markus Söders finsteren Auftritt, das Foto des weißen Tigers, der vor Jahren in Neu Delhi einen jungen Mann belauert und dann tötet, der in sein Gehege gefallen war (oder gesprungen um sich töten zu lassen) – der Mensch hilflos kauernd vor dem Raubtier, seiner schrecklichen Willkür. Auch jetzt glaubte ich den heißen Atem im Genick von Armin Laschet zu spüren, den animalischen Zugriff – wie einst auf dem Schulhof in der Fünf-Minuten-Pause, wenn einer einen andern in den Schwitzkasten nahm, zum hundertsten Mal, und grinsend beteuerte, es sei nur Zeichen inniger Freundschaft.

mitgefühlt

Eine 96 Jährige verlässt ihr Pflegeheim, um einem Prozess zu entgehen, der ihr Beihilfe zum Mord vorwirft – Mord an über 11.000 Menschen, begangen im NS-Konzentrationslager Stutthof. Sie lässt sich ein Taxi kommen und aus der Stadt fahren, erst am Abend wird sie von der Polizei aufgegriffen, an einer Landstraße, allein. Eine Greisin auf der Flucht, zu Fuß, schon jenseits der Stadt, ohne Begleitung, es wird dunkel – tiefer ist Einsamkeit kaum vorstellbar. Wer empfände nicht Mitleid mit einer traurig tragischen Gestalt an ihrem Lebensende. Noch mehr Empathie verdienten nur – die mehr als 65.000 Menschen, die einst in Stutthof ermordet wurden, die Angehörigen, die jetzt, Jahrzehnte später, zum Prozess gekommen sind – und die Frau, die in ihrer Jugend radikal dem Bösen diente, als Schreibkraft des Lagerkommandanten, über deren Tisch die Bürokratie des Todes lief, ist nicht da. Sie wolle an der Verhandlung nicht teilnehmen, hat sie dem Richter geschrieben, als machte die Legende eines langen Lebens alle Schuld vergessen. Hat sie das Taxi gerufen um sich selbst zu entkommen? Wie weit hätte sie gehen müssen um die Ermordeten von Stutthof nicht mehr zu sehen?