Trauern

Kaum hatten wir letzten Freitag von Tel Aviv aus Jerusalem erreicht, kam die Nachricht, dass Amos Oz gestorben ist. Gerade noch, im Bus, hatte ich „Wie man Fanatiker kuriert“ zu Ende gelesen, seine (Tübinger!) Vorlesung zur Feier des Kompromisses und der Ambivalenz, Tugenden, die jetzt überall in Not geraten. Sekundenlang bezog ich die Nachricht auf mich – Oz ist am selben Kalendertag wie ich geboren, um in dem Moment in Jerusalem zu sterben, da ich die Stadt zum ersten Mal betrete -, dann glaubte ich wieder fest an die Vernunft des Zufalls. So arbeitet der stille Paranoiker – der laute bezieht alles auf sich um mächtig aufzublühen -, er fürchtet noch den Flügelschlag des fernen Schmetterlings gesetzt zu haben, er trägt, wenn es irgend naheliegt, jede Last der Welt und ist nur davor gefeit sich wie Atlas zu fühlen, weil er sich im Spiegel nicht mehr wiederfinden kann, vor, hinter, über sich die große alte Stadt aus beige-grauem Stein (oder den müden Beton der weißen Stadt oder die öden 50er Jahre-Bauten deutschen Wiederaufbaus oder den Wald, der auch – noch – nicht an ihm gestorben ist). Dann stellt er nüchtern traurig fest – mit Oz ist einer gegangen, der ihn zur Vernunft bringen konnte, ohne zu wissen, dass es ihn gab.

25. Dezember

 

 

Heute wäre meine Mutter 96 Jahre alt geworden, es wäre kaum gerecht zu klagen und ist doch alle Klagen wert: Sie ist nicht mehr da um sich feiern zu lassen. Dafür taucht der Präsident am Himmel auf und spricht zu uns, am Frankfurter Terminal, wo wir auf den Flug nach Tel Aviv warten. Ich kann nicht mal hören, was er sagt.

Protagonist

Neulich im Gespräch mit sehr jungen Journalisten, die im schönsten Sinn vor Ehrgeiz brannten, tauchte mit der Sehnsucht nach der einen großen Geschichte, nach zündendem Storytelling gleich mehrmals der Begriff des Protagonisten auf, jener leicht fasslichen, etwas überkonturierten, so greif- wie spürbar zu machenden Gestalt, die eine Reportage/Erzählung in Gang setzt und bis ins Ziel trägt, die Stimmungen genauso vermittelt wie Fragen des Lebens oder der Politik, die alle zur Identifikation einladen und mitreißen wird – als hart schuftender Arbeiter, alles gebender Sportler, abgehängter Abgehängter, kämpferischer Aktionist, traumatisiertes Opfer, normaler Jedermann -, eine Gestalt, die mir völlig fremd ist, weil ich sie fast immer für das Produkt sentimentaler Phantasie oder glatte Lüge halte, eine Figur, mit der ich nicht mehr rechnete und die doch wieder um die Ecke kam, als wäre sie dringend geboten, State of the art, dramatisch effizient wie der Zeuge im amerikanischen Gerichtsfilm. Und jetzt, im Fall des Reporters Claas Relotius, begegnet mir diese Figur in bald jedem Artikel zur Affäre wieder, als Motor der Lüge in zig gefälschten Artikeln, als Fake oder bloß getriggert, beinahe dieselbe Figur, plötzlich schreiend unauthentisch, ja gefährlich, Symptom einer Krankheit, ein Abgrund an Ambivalenz.