Und er bewegt sich doch

Von tollwütige Eitelkeit bis nackter Faschismus lauten die Diagnosen zu Trumps Rede vor dem Weißen Haus am 6. Januar, dem der Sturm aufs Kapitol folgte. Man redet mit zwei Leuten und hört drei Meinungen, unmöglich schärfer einzugrenzen, was sich da ereignet hat: ein Aufruhr, eine Revolte, eine Social Media-Performance, ein geplanter Putschversuch, grotesker Tanz über dem Abgrund. Es ist von allem etwas, ein Narr wäre nur, wer nicht die politische Absicht sähe. Macht und Ohnmacht kommen sich in diesem Moment so nahe, dass sie ineinander übergehen, wie bei William Shakespeare, im Macbeth. „Geht heim in Liebe und in Frieden. Erinnert euch für immer an diesen Tag!“ ruft der Präsident seinen wüsten „Patrioten“ nach, da ist der Wald von Birnam längst auf dem Weg. Es wäre zum Lachen, wäre es nicht zum Weinen, wäre dieser Antiheld nicht so zynisch, dumm und böse (und ginge es nicht um das zarte Gebilde der Demokratie).

Divers

Wunderbar ironisch in dem nun auch wieder heiter heiligen Ernst überm Parkplatz des Chase Center in Wilmington, Delaware, als erst Kamala Harris im Weiß der Suffragetten und dann Joe Biden von der Bühne sprachen, erklangen wieder und wieder Autohupen zum Applaus. Die Wagen im Dunkeln zur Bühne ausgerichtet, ein wenig wie im Animationsfilm „Cars“, dazwischen, darauf, darin feiernde, lachende, weinende Menschen, ein schräger Gesang von Erleichterung, Freude und Angst in der Pandemie, große Gefühle und tiefe Rationalität, Pomp und Pragmatismus, eine Rückkehr ins Leben auf dem Sitz eines Pick-ups.

Verteidigung der Macht

Corona macht alle Menschen gleich, heißt es immer wieder mal. Das stimmt nicht, natürlich. Schon um Infektionen auszumachen, braucht es Geld, ein Gesundheitswesen. Erwischt es den Präsidenten, läuft eine Maschine zur Gesundbetung an, zur Verteidigung der Macht. Valeszenz und Reklame. Nichts kann so fragil wirken wie das Bild von etwas Unerschütterlichem, das war schon vor dem Virus so – es spitzt die Sache nur gnadenlos zu. Wer glaubt über Covid erhaben zu sein, ringt nicht minder um Luft als der Umsichtige, die Demütige, all die Vergessenen, die kein Genesungswunsch und keine Häme trifft. Nur wenn nichts mehr hilft, werden alle gleichermaßen einsam sein.