mitgefühlt

Eine 96 Jährige verlässt ihr Pflegeheim, um einem Prozess zu entgehen, der ihr Beihilfe zum Mord vorwirft – Mord an über 11.000 Menschen, begangen im NS-Konzentrationslager Stutthof. Sie lässt sich ein Taxi kommen und aus der Stadt fahren, erst am Abend wird sie von der Polizei aufgegriffen, an einer Landstraße, allein. Eine Greisin auf der Flucht, zu Fuß, schon jenseits der Stadt, ohne Begleitung, es wird dunkel – tiefer ist Einsamkeit kaum vorstellbar. Wer empfände nicht Mitleid mit einer traurig tragischen Gestalt an ihrem Lebensende. Noch mehr Empathie verdienten nur – die mehr als 65.000 Menschen, die einst in Stutthof ermordet wurden, die Angehörigen, die jetzt, Jahrzehnte später, zum Prozess gekommen sind – und die Frau, die in ihrer Jugend radikal dem Bösen diente, als Schreibkraft des Lagerkommandanten, über deren Tisch die Bürokratie des Todes lief, ist nicht da. Sie wolle an der Verhandlung nicht teilnehmen, hat sie dem Richter geschrieben, als machte die Legende eines langen Lebens alle Schuld vergessen. Hat sie das Taxi gerufen um sich selbst zu entkommen? Wie weit hätte sie gehen müssen um die Ermordeten von Stutthof nicht mehr zu sehen?

weg

Die Tür ist immer offen – sagen Vorgesetzte, die sich zugänglich geben, im Wissen, dass kaum jemand die Chance nutzen und das Gespräch suchen wird. Auch durch nicht verschlossene Türen muss man erst mal kommen. Horst Seehofer, der noch bis tief in den August Menschen nach Afghanistan abschieben wollte, singt im Chor mit den europäischen Innenministern, die afghanischen „Ortskräfte“ (ein Wort, das in seiner doppelten Herablassung den Verrat vorwegnimmt) seien willkommen. Jetzt, da kaum mehr jemand aus dem Reich der Taliban herausfinden wird. Zynische Humanisten machen die Tür weit auf, wenn der letzte Weg verschüttet ist.