tschuldigung

Selten wirkt eine politische Geste so ambivalent wie Merkels Ohnmachtsdemonstration nach dem Debakel zur pandemischen „Osterruhe“. Sie wirft sich in den Staub, um ihren Führungsanspruch zu behaupten, gibt sich ohnmächtig zur Behauptung der Macht. Diese Bitte um Verzeihung – herrisch, entwaffnend, angebracht, falsch, alles auf einmal. Auf einmal wirkt das politische Chaos (oh Unordnung!) fein dialektisch, die Kommentare oszillieren zwischen tiefer Verachtung und echter Bewunderung. Später im Interview wird das Offensichtliche offensichtlich. Ein Fehler ist passiert, ein Zeichen von Schwäche, das zur Demonstration der Stärke eingestanden werden kann. Wer Verantwortung trägt, trägt Verantwortung – nur wer weiß, wohin.

feigling

Nah meiner Wohnung in München liegt ein Lokal, das ich den Pornobayern nenne, so deftig sein Name – ein urbayerischer Vorname -, die Kellner wie aus dem Sonnenstudio in die Lederhosen gestiegen, die Kolleginnen im übergrellen Dirndl, alles viel zu laut bis zur launigen Musik, grobes Zitat, Bayern arg dialektisch. Im Lockdown öffnen sie schon mal für ein paar Stunden den Straßenverkauf. Und so standen wieder Hunderte auf den Gehwegen, rauchten, herzten sich, posten, spuckten die Deckel kleiner Feiglinge vor die Autos, eine radikale Spaßguerilla, unpolitisch. Mittendrin zwei Polizeiwagen – wie Krokodile auf der Sandbank -, müde Beamte, die nicht aussteigen wollten – außer ihnen trug hier niemand Maske. Wie nach Atem ringend starrten sie auf ein Treiben wie zur Zeit der Pest hinaus, als die Leute, um gegen das Sterben anzufeiern, mit dem roten Tod tanzten. „Wir hören nicht auf, bis es aufhört!“ So standen sie in dichten Pulks vor meiner Haustür heute, vogelwildes Aufbegehren, so rücksichtslos wie lebendig.

sieben

Minuten des Schreckens durchleben die Leute von der NASA, wenn Perseverance, ihr Kind, filigran perfektes high-tech, in die fremde Atmosphäre eingedrungen ist. Von da an kann es sich nur noch selber helfen, mit Reibung und Hitzeschild, Fallschirm und Radar, Bremsrakete und Himmelskran, vollkommen autonom. Zu lang bräuchte ein guter Rat über die 200 Millionen Kilometer. Der Abgrund von 420 Sekunden, der sich den Profis vor ihren Monitoren, ihren schieren Zahlenkolonnen, auftut, erinnert an das Gefühl der Angst, wenn man etwas losgeschickt, sich selbst überlassen, enter gedrückt hat, blind für das, was jetzt geschieht, wie etwas ankommt, ob man hernach noch am Leben teilhaben wird. Man fliegt – eher ein Stürzen denn ein Schweben – vertraut sich der Sorge an und spürt, dass einen die Welt nicht wirklich braucht.