Zur Unordnung rufen

Alice Weidel von der AfD heute früh im Bundestag zu Beginn der Haushaltsdebatte: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern“. Dafür erhielt sie einen Ordnungsruf durch den Bundestagspräsidenten – alle Frauen, die Kopftuch tragen, mahnte Wolfgang Schäuble, würden dadurch diskriminiert. Aber das wollte sie natürlich, entsprechend ihr Duktus, die schneidende Stimme, der flackernde Blick, die Botschaft an die Anhänger da draußen: Ich stehe hier und leide für euch. Ähnlich triumphierend konnte man auch Steve Bannon erleben oder sieht man Donald Trump vor die Leute treten und einen lieb gewordenen Zusammenhang zerreißen. Alles Heilige wird entweiht! Stolze Wut, Entschlossenheit und ein leiser Schmerz um den trotzigen Mund, von der Kälte, mit der man zur Unordnung ruft.

Wahnsinn

Das ist Wahnsinn, rufen wir, die wir in München leben oder im Herbst wieder herkommen, in die bierdampfheiße Luft im viel zu engen Riesenzelt, glücklich von gar nichts, das ist Wahnsinn, grölen wir gleich wieder, mächtig angetrieben von einer irre internationalen Band, die nochmal den Wolfgang Petry spielt, im bayerischen Oktober, der in Wahrheit ein September ist, hinauf zum gemalten Sternenhimmel, um uns und allen zu zeigen, dass wir aller Macht der Welt entsagen außer der des Bieres und uns von keinem und keiner und niemandem irgend sagen lassen, was wir denken oder wählen oder lassen sollen. Das ist Wahnsinn, singen wir auf dem dritten Höhepunkt, wenn die Kapelle die absolute Herrschaft hat und wirklich alle folgen, das ist Wahnsinn, alle singen, grölen es, selig, noch nicht total betrunken. Es könnte sein, dass wir uns 2018 am deprimierenden Gefühl berauschen werden, dass sich der wahre Rausch, der echte Irrsinn anderswo ereignet, in diesem Augenblick, im Weißen Haus oder Palast oder am Ring oder im Reichstag, in noch einem Parlament, das seine Würde preisgibt. Bislang waren wir gut beraten, uns einmal im Jahr bewusstlos zu trinken. Vielleicht stehen im kommenden Herbst vor uns auf den schwankenden Bänken ein paar der Mächtigsten der Mächtigen und nehmen uns die Sicht, um lauter als wir es je vermochten in die Welt hinauszugrölen: Das ist Wahnsinn! Dann heißt es nüchtern werden und lange wach bleiben.

der Schlussakkord aus dem Essay „Das ist Wahnsinn“ für das neue Wespennest 174 zum Thema „Idiotie“

Gefühle

Kein gutes Gefühl: Schon im Studium der Jurisprudenz kam ich mir altmodisch vor, fast reaktionär – allein weil Juristen so beharrlich sein können und das Recht immer etwas gegen eine Revolte, eine Revolution einzuwenden hat (bis es ihnen dienen darf). Jetzt, 2018, bin ich noch mal dramatisch gealtert – im Glauben an die gute Macht so mancher Norm und manchen Vertrages. Pacta sunt servanda? Nicht nur Trump setzt sich über die Zumutungen des Rechts hinweg – und erobert das Herz von Menschen, die ein Recht, das nicht ihnen dient, überflüssig finden. Es muss berauschend sein, eine Übereinkunft zu brechen und die Energie des Aufbegehrens zu spüren, ein Licht zu entzünden, das aus der Zukunft kommt, so finster sie auch sein mag.