Gnade

Es mag Ausdruck von Souveränität sein, jemanden begnadigen zu können, der eigentlich Strafe verdient. Die Gnade, ob göttliches, ob königliches Recht, wirkt heute eher peinlich. Donald Trump deutet twitternd an, Leute, die für seine Agenda belangt werden sollen, vor dem Recht schützen zu wollen – und sei es sich selbst. Mich würde der Gedanke, mich selber zu begnadigen, beleidigen. Sollen sie kommen und mich holen, meinen großen Bruder ruf ich nicht. Wer nach der Macht der Gnade greift, hätte sie vielleicht verdient, gebrauchte er sie nicht. Ihr Elend heute ist, dass sie von der Ohnmacht so gar nichts mehr weiß.

Kalt

29 Jahre nach seinem Tod wird ein Junge exhumiert, wegen des Verdachts, dass er ermordet wurde. Im August 1988, als man ihn in die Erde legte, war er vier Jahre alt. Eine Meldung aus dem Panorama der SZ. Ein Grabmal des Jungen gebe es nicht mehr, über ihm sei „ein anderes Kind begraben worden, dessen Leichnam auf Beschluss des Amtsgerichts erst bewegt werden“ musste. Wo auf Erden kann es kälter sein.

Flackern

G 20 in Hamburg: Hier die Mächtigen, die man nicht mögen muss, da die Krieger der Ohnmacht, die man nicht mögen kann, wenn sie den Traum von einer gerechteren Welt mit Füßen treten. Im Netz der Handyfilm eines Passagiers im öffentlichen Nahverkehr, aus einem Bus am Straßenrand, wenig Leute darin, ein schwarzer Block nähert sich, eine Horde wilder junger Männer, martialisch vermummt, begleitet von Stichflammen, Explosionen, wie Musik, zu der sie tänzeln, vorwärtsdrängen, springen, nackte Angriffslust. Als sie am Bus vorbei strömen, hört man sie johlen, einer winkt fast nett, ein anderer tritt hart gegen das Blech, immer wieder krachen Böller. Im Bus sitzt die Angst, draußen, in den Augen unter all den schwarzen Kapuzen, flackert der Triumph. Eine Macht, nicht freundlicher als die eines Putin, Trump, Erdogan…