Wer da oben

 

Gemeine Zeiten, in denen die Eliten den Glauben an sich selbst preisgeben sollen. Italien könnte Renzi zur Hölle schicken, Österreich einen Volks-Tribun wählen – die „Eliten“ werden immer noch da sein, nur ohne Macht. Mark Lilla wirft den Liberalen, der linken Elite in den USA, vor, Trump ins Amt gehoben zu haben, zu viel Diversity, Gender und Homophilie. Auch hierzulande streut schon mancher Asche auf sein Haupt, als hätte er Bachmann und Petry persönlich auf den Plan gerufen. So hebt man Unsinn auf das Niveau von Argumenten und weitet den Echoraum für den Hass. Als hätte es bis gestern irgendwer mit der Gleichberechtigung oder dem Schutz von Minderheiten übertrieben, sollen politische Menschen der Vernunft abschwören und sich wie beim stalinistischen Schauprozess (nur weniger blutig) des elenden Elitarismus bezichtigen. Und dann? Werden eines fernen Tages die nicht ganz Verzweifelten, nicht Verdorbenen, nicht zynisch Gewordenen aus den Trümmern der alten Demokratie eine neue errichten, die das Volk weniger verwirrt, weniger langweilt, weniger wütend macht?

 

Schlechter Gewinner

 

Hillary Clinton war eine gute Verliererin – sie gratulierte Trump, räumte die Niederlage ein, dankte ihren Helfern nach der ersten Schrecksekunde (einer ganzen Nacht), schwieg zur Forderung Stimmen nachzuzählen. Schlecht Verlieren sieht anders aus – da fallen Spielsteine bei Mensch ärgere Dich nicht um, fliegt ein König beim Schach durch den Raum. Dass man schlecht gewinnen kann, beweist Donald Trump, indem er die Nachprüfung des Wahlergebnisses in Wisconsin aberwitzig nennt. Vor dem 9. November witterte er überall Wahlbetrug, hernach hat „das Volk gesprochen“ (das Amt färbt jetzt schon ab). Armes Volk, wozu muss es nicht herhalten. Armer Trump. Er erinnert mich an einen Mitschüler, der in der Pause auf dem Schulhof regelmäßig Streit suchte, um zu zeigen, dass er der Stärkste war, und bitter weinte, wenn er unterlag. Klar wären wir schlechte Verlierer, wünschten wir, Donald möge der perfekte Gewinner sein und Hillary doch noch unterliegen.

Postfaktischer Sex

 

Gestern kam Pollini in den Münchner Herkulessaal: Großer Abend, lange Zugaben und die mitreißende Energie eines alt gewordenen Mannes mit bedrohlich hagerem Schädel, das Publikum euphorisch. In der Pause und danach eine glücklich raunende Menge feinsinnig gestimmter Bürger. Ich hatte mir für das Ritual der Hingabe an den Kunstgenuss ein Glas Mut angetrunken, in der Pfälzer Weinstube, die abends um sieben ganz den alten Leuten gehört, was sie manchen gar verleidet. Dabei verpassen sie etwas: Zwischen autistischen Trinkern und müden Beamten sitzen hellwache Greise, Frauen, Männer, vor dem zweiten, dritten Glas, mit selbstironischem Grimm und einem Hunger, der einen 3a, 5a brauchen kann und doch nicht wirklich braucht. Die Energie, mit der sie einen wie mich mustern, hat sie einst die Welt erobern lassen, so viel, dass man es ihr nicht wirklich anmerkt.