8

Ich habe zu viel Liebe, ich brauche dich.

Sie war kaum drei Stunden weg, da rief ich sie schon an (ausgemacht war etwas anderes).

Was willst du von einem verbitterten alten Kerl wie mir. 

Ich habe einfach zu viel Liebe um zu tun, was jetzt nötig ist, ich brauche deinen Hass, deine Energie.

Aber ich habe keinen Hass. 

Dann deine Wut. Es ist genug Liebe da, auch für dich, jetzt brauchen wir etwas anderes.

Es ist Enttäuschung.

Gib einfach alles, was du hast.

Ich habe dich gewarnt, sagte ich nochmal, und sie lachte so ehrlich, dass ich allen Widerstand aufgab.

7

Bald trafen wir uns bei mir im Wald, in der Hütte meines Jägerfreundes, die ich zuletzt bewohnte, mehr als ein öder Bauwagen, weniger als ein Tiny House, aber schön auf einer Lichtung. Ich hatte darauf bestanden, sie sollte wissen, worauf sie sich eingelassen hatte. Doch wusste sie schon alles über mich, hatte alles gelesen, was noch irgend erreichbar war, meine natürlich ironische Walden-Hommage, das dem Klimawandel gewidmete böse „Lob des Borkenkäfers“, auch das Stück in der Zeit über mich: „Beredter Eremit“, das mich als einen hyper neo bösen Braungrünen beschrieb, was ich mir als Auszeichnung zu tragen vorgenommen hatte, wider den Ärger darüber, dass man meine Flucht vor dem Betrieb (literarisch) arglistig als Statement (politisch) lesen wollte. Es war Notwehr, ich war pleite, ich meine, ich war am Ende. Sie unterbrach mich, das ist jetzt egal, lass uns von der Zukunft reden. Eben dieses Rufes wegen hatte sie mich auserwählt, nicht trotzdem, sie war eine junge alte Füchsin. Wir müssen einmal über alles reden, wirklich ALLES, hatte sie geschrieben. Ich: Von mir aus. Und so saßen wir einen Nachmittag und Abend und die Nacht dazu vor der Hütte, in einer Neumondnacht, um uns finstren Wald, und sprachen von der deutschen Politik. Wir mochten uns einfach, gleich vom ersten Moment an, wie bei einem von wenigstens einer Seite ersehnten Liebespaar, dem doch alles fehlt, die Liebe, die Geduld, sie sind kein Paar und wissen schon, dass sie es nie werden, aber sie sind nett, und da sie Zeit miteinander verbringen, können sie gleich Freunde bleiben. Sie weihte mich in ihre Pläne ein, die ich schon kühn fand, ich erzählte ihr von meinen Niederlagen, die sie nicht erschütterten. Wir tranken Gin, Monkey, ab und zu hörten wir zwischen den Bäumen ein nachtaktives Tier, vielleicht auch die Käfer, einen Schuss aus der Flinte eines Jägers, ziemlich nah, und dann, der Morgen dämmerte, waren wir mit allem durch – sie würde das Land bewegen, und ich wollte ihr helfen.

6

I trap you, summte sie, auf der Fahrt durch die Stadt zu dem kleinen Verlag, der ihr Manifest herausbrachte, WIR SIND ERST DER ANFANG DER BEWEGUNG. I trap you hatte ich ihr aufgespielt, Kate Tempest im Verein mit Rick Rubin, der Legende, ich hörte Fetzen aus ihren Kopfhörern, den müde wütenden Sprechgesang, I trap you, nein, wir vertrauten nichts und niemandem als der Liebe zu den Dingen, die wir adressierten, als wären wir siebzehn, nicht schon so viel länger unterwegs. Ich bewegte mich einer Schnecke gleich auf den letalen Renteneintritt zu, während sie auch schon über vierzig war. Kate Tempest sprechsang uns in einen Zustand, den ich von Drogen kannte, so aufregend wie betäubend. Ich war stocknüchtern, ich saß am Steuer, die Finger klammschwer von der Verantwortung für die Hoffnungsträgerin, gegen die die Rechte jetzt immer lauter agitierte, wie Hugo Chavez oder Melanchon in Frankreich, wie Lenin, einst. Das kam von dem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen damals: Was tun? Das war eine Ewigkeit her, etliche Jahre. I trap you. Ich musste an die alten Freunde denken, die schlecht von mir sprachen, doch hatte ich nie wirkliche Freunde, nur Leberwürste, Rachengel, Anspruchsteller, Neider, die mir nichts neiden konnten, weil da eigentlich nichts war. Jetzt aber hatten sie einen Grund – die Schönheit der Bewegung.