Bestien

Das Ärgste an dieser Krise ist vielleicht, dass wir alle zum Quell des Bösen werden, Anstecker, potentielle Übeltäter. Wer würde uns jetzt noch beim Einschlafen erzählen, wie lieb, unschuldig, anziehend, toll wir sind. Wer würde einen Cent darauf wetten, dass wir nicht den Tod bringen? Begehren hieße das Virus Umarmen. Es macht uns alle gleich – bedrohlich. Bestien gleich streifen wir durch den Dschungel leerer Städte, die eben noch ein Zuhause waren. Bilder aus Indien: Wanderarbeiter – Sklaven – strömen dicht an dicht aus den Metropolen ohne heimkommen zu können, der Premier entschuldigt sich. Für alles? Und Mütter machen, dass ihre Kinder die Hände vor den Mund halten. Sind wir uns selbst so feind geworden? So krass und klein und elend haben wir uns den Tod nicht vorgestellt. 

Wir sind noch da

Wie fühlen wir uns jetzt, ohne Kontakt, allein? Ohne Auftrag, ohne Aussicht auf Ruhm, Umsatz und Erfolg, ohne das Netz, das uns eben noch getragen hat, irre unterwegs im allerkleinsten Radius, umgeben von harschen Verboten? Beim Spaziergang auf dem Feldweg kommen mir zwei Freunde entgegen – einer muss über die Wiese ab, auf dass wir nicht zur Rotte werden, eigentlich. Ein jeder, eine jede werden jetzt zu viel – potentielle Quelle und mögliches Opfer ansteckendster Ansteckung. Es ist, als lebten wir in einem riesigen Labor, Experimentator und Ratte in einem, auf dem Tisch die eigene Psyche (Stahlbeton, Luft, Espenlaub), und die Frage, wann wir durchdrehen (nicht ob). Die Krise selbst ist ansteckend, wer jetzt nicht Sand in den Augen hat von der Nacht, hatte nie ein Herz, wer sich diesmal nicht alleingelassen fühlt, ist schon als Eremit zur Welt gekommen. Soloselbstständig, welch ein Wort, alle sind es, vom Messebauer bis zur Hebamme. Die Kanzlerin in ihrer Quarantäne guckt immerhin noch Parlamentsfernsehen, Kreative kriegen immerhin noch einen Anruf und schreiben, wie sie mit den Kindern lesen oder als Zeichen der Liebe in die Küche gehen, Coronatagebuch. Und alle entschleunigen sich, wie schön. Nur, was tun die Obdachlosen jetzt, die Flüchtenden in Moria, all die in Syrien Eingekesselten – wo isolieren sie sich noch hin? Was macht der Paraoniker, dem kein Bett mehr freigehalten wird, der Klaustrophobiker, der sich eingesperrter fühlt denn je (zwischen dem Nichts da draußen und dem Nichts in sich), der Depressive, der sich nicht mal mehr das Gefühl leisten kann, dass er vielleicht doch übertreibt, und jeden Millimeter Boden persönlich nimmt, den die Welt gerade verliert. Was die gläubigen Jünger der Angst, der jetzt alle huldigen, Politiker, Wissenschaftlerinnen, Journalisten, SpaziergängerInnen, Stubenhocker. Was tut der Held, die Heldin – in Zeiten, da alles gefährlich, neuartig, beispiellos ist? Wachen auch sie jeden Morgen weinend auf? Wie paraonid werden wir noch werden? Wie wenig braucht es – an Hoffnung, Stolz, Gesellschaft, Liebe? Wie lange sind wir noch da?