Lügen

Wiederholt man den Fehler the „realDonald…“ zu folgen, nur ein paar Minuten, wird einem gleich wieder schlecht von so viel Schlechtigkeit und Prahlerei und lebendiger Gemeinheit. Und dann blitzt sie eben doch schnell auf, die treue Ironie der Gegenwart, wenn er schreibt, sein ärgster Feind, Robert Mueller, wäre nicht auf die Wahrheit aus, sondern nur auf Lügen: „Bob Mueller and his out of control band of Angry Democrats, don’t want the truth, they only want lies.“ Genauso ist es – sie wollen seine Lügen.

Gefragt

In London ringen Regierung und Parlament um den Brexit. Angela Merkel, gefragt, ob sie der tapfer kämpfenden Theresa May nicht helfen wolle, sagt: „Nichts, wonach man nicht gefragt wird, sollte man tun“. Ein guter Satz, dessen bösen Grundton nur vernimmt, wer nie gefragt wurde. 

Sein lassen

„Maria Magdalena“, der Film des Australiers Garth Davis, den ich erst jetzt auf DVD gesehen habe, erzählt von der durch die Kirche über Jahrhunderte sorgsam verachteten Gefolgsfrau Jesu – als radikaler Außenseiterin, wild zur Liebe Entschlossenen, großer Apostelin. Kaum begegnet sie dem „Fremden“, ist es um ihre kleine Welt geschehen, in der ihr ein Mann bestimmt ist, den sie nicht will, und sie die eigene Familie für besessen hält, von einem Dämon, den wir heute Selbstbestimmung nennen würden. Sie verlässt ihr Zuhause und geht zu den Jüngern, einer Handvoll Leute, die durch eine rasend einsame Landschaft ziehen, in der Welt – und für sie – Verlorene. Das „wahre Königreich“, von dem ihr Messias spricht, wird ihnen zum irdischen Traum einer kommenden Größe. Doch Maria – Rooney Mara – will, dass sie von der Macht lassen – der Revolution, einer Kirchengründung, herrlichen Ver- und Geboten. Am Ende, als Jesus – Joaquim Phoenix – am Kreuz gestorben ist, steht sie Petrus gegenüber, der dann doch all dies bewirken wird. Sie sagt: Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern. Die Macht ist nicht zu haben, ohne dass wir schuldig werden, will sie sagen. Der Film setzt ein Bild an Anfang und Ende: Maria als Kind in einem See, allein, die Arme ausgebreitet, tief und tiefer sinkend, frei. Das würde Petrus, der die Welt umgestalten muss, niemals tun. Er mahnt sie, nie mehr im Namen des Herrn zu sprechen, und sie entgegnet ihm schlicht: Ich werde nicht schweigen. Mehr braucht sie nicht zu sagen, man hört es auch so: 

„Ihr glaubt, es hört auf, wenn ihr die Macht habt; ihr glaubt, sie wird gut; ihr hofft, alles wird gut, wenn ihr nur nicht mehr nichts seid; ihr seht das Paradies auf Erden und habt doch alles gesehen, das Elend, die Wüste, die Menschen, die Ödnis, das Gerede; ihr glaubt, ihr seid ohne Arg, weil ihr von unten kommt – wisst ihr noch, wie es da unten war; ihr wollt, dass man euch hört, und dann hören sie euch; ihr predigt, was zu tun ist, und sie hören auf euch, und es wird das alte Lied; ihr wollt etwas bedeuten und wisst kaum, was es bedeutet, die Not, die Wohnungsnot, der Streit und der Zerfall der Gesellschaft und die Arbeitslosgkeit und der Krieg und die Gewalt und alles Leid werden euch zu danken sein, eurer Phantasie, eurer Verantwortung, eurer Gewalt, eurer Ohnmacht; ihr wollt Frieden und werdet ihn doch nicht zwingen, wollt den Hunger stillen, den Schmerz lindern, wollt Gerechtigkeit – an der Macht zehrt eure Liebe vom Hass der Gefolgsleute. Nichts mehr wollen hieße sterben, ja. Lasst es sein. Macht euch bereit die Ohnmacht zu erringen“.

Das Bild der wie eine Tote schwimmenden Rooney „Maria“ Mara erinnerte mich an das Meer meiner Kindheit und den Swimming Pool meines Onkels, wo ich immer so leicht unter die Wasseroberfläche tauchte, so weit und so lang es ging, der Welt und dem Lärm der Familie entrückt, schwebend überm Grund, von nichts getragen – mehr war nicht zu wollen.