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Wir fuhren mit dem TGV. Rasten durch den grell bunten Herbst wie durch einen Tunnel, den sie mit rotem Plüsch ausgeschlagen hatten. Das Abteil war ganz für uns reserviert, drei Leute auf dem Platz für zwanzig. Wir empörten uns darüber vom Start- bis zum Zielbahnhof. Luisa, ihre bitch, musste in Brüssel aussteigen, es hatte keinen Sinn mehr, wie sollte sie mit ihr, mit uns. Wie soll ich mit Leuten, die nichts empfinden, arbeiten. Sie hatte der Presse ein Detail gesteckt, das nur für uns bestimmt gewesen war. Und dann umarmten sie sich zum Abschied und weinten bittere Tränen. Ich habe nie jemanden weinen sehen, ohne dass er mein Mitleid hatte, doch alles hat ein erstes Mal. In Paris wurden wir feierlich abgeholt, Blaulicht, Sirenengeheul, schwere Limousinen. Für exakt zwanzig Minuten, die wir mit Madame hattem, wie jeder sie nannte, und das nicht ironisch. Fünfzehn für das Licht und die Kameras, ganze vier fürs Gespräch, die letzte Minute brauchte es um uns hinauszukomplimentieren. Ich war wütend. Sie sagte, bleib einfach ruhig, du wirst sehen, es war ein Erfolg und alle berichten. Und so kam es. Madame trifft die Hoffnung aus Deutschland. Die wahre Begegnung zweierlei Zukunft. Oder Zukünfte. Es war lächerlich, es war ein Riesending. Ja, sagte sie, es ist bizarr, aber wir brauchen das.

hängig

In den USA verlangen über 1100 frühere Mitarbeiter der Justiz den Rücktritt von Minister Barr. Er hat sich in den Fall Roger Stone eingeschaltet, Ex-Cleaner von Trump. Der twitterte seinen Zorn über die harschen Strafanträge der Staatsanwälte hinaus – und Barr, der im Sinn des Präsidenten intervenierte ohne eben dies getan haben zu wollen, steht nun nackt da. In der Türkei sprechen sie Osman Kavala frei, sie rehabilitieren ihn nach zwei Jahren Gefängnis, in das er für seine Liebe zum Gezi-Park geworfen wurde. Eigentlich. Denn sofort ergeht – heute Abend – ein neuer Haftbefehl, diesmal soll es der Putsch von 2016 sein. Die Wahrheit ist so offensichtlich wie die Lüge absurd, ja lächerlich – nur bleibt diese mächtiger. Es mag uns fern vorkommen und ist doch so nah. Gefährlicher als die Chuzpe der Mächtigen ist die Nonchalance derer, die sich nicht zu den „1100“ zählen, jener Mehrheit, über die jeder Justizapparat der Welt verfügt, die es sich niemals nehmen lässt ihre Arbeit zu tun, und sei es gegen „ihren“ Rechtsstaat. Juristen lernen vom ersten Semester an, sie hätten gegen so was aufzustehen. Vom ersten Tag in der Praxis an lernen sie, dass sich das nicht lohnt. Die Mitläufer, die willigen Helfer, die Karrieristen und aus Trägheit Unbeteiligten, die ganz normalen Kollegen sind es, die uns erschrecken sollten: Sie sind da, unter uns, um alles mitzutragen. Wir sind es.