Weitgereist

Letzten Donnerstag kam die Weltkunst nach Memmingen. Eine internationale Galeristin, im Ort geboren, schenkt der MEWO eine Schau ihrer liebsten Künstler. Großartige Werke strahlen von den Wänden, ein Déjà-vu neben dem andern, einige der Künstler sind angereist. Später zieht der Tross durch die Stadt zum Weber am Bach. Ein Festessen. Ich habe lange überlegt, was mich irritierte (außer dass ich dabei war, an einem Tisch mit wunderbaren Menschen). Eine Kunst der Gegenwart, die in die Jahre kommt? Alles wie eben erst erfunden. Die in der Provinz leicht verloren wirkenden Weltkünstler? Viel zu lässig, sympathisch. Ein Missverständnis? Alles sicher so gewollt. Vielleicht war es der kapitale mattgraue Ferrari mit Schweizer Kennzeichen, der majestätisch müde an der Kunsthalle stand.

Postdramatisch

Wahlabend in der ARD. Ein präziser Zahlenmeister, ein ironischer Moderator – arg ironisch, allzu präzise. Das Hochamt der Zahlen scheint alles Politische irgendwie vergeblich zu machen; Triumph und Demut vergehen in der nächsten Live-Schaltung. Verlierer erfahren Häme, Sieger nur Ironie. Die Zahlen des Meisters und die Fragen des Moderators erheben sich über jede Leidenschaft. Das Theater der Politik wird lächerlich.

Gift

Eine Einladung als frischer Bekannter zum Abendessen unter alten Freunden. Das Gespräch kommt auf Joachim Kaiser. Gleich entlädt sich der Frust über die Feier des Verstorbenen – zu hymnisch die Nachrufe, zu eitel die Trauer Prominenter, zu nihil nise bene. Ein Furor, den ich sonst von mir selber kenne, das Gift der Eifersucht. Ich berichte von einer Tontechnikerin aus dem Radio, die über hundert Produktionen mit Kaiser gemacht hatte und mir traurig seinen Sanftmut, seine Leidenschaft beschwor. Ich trumpfe auf, mache mich zum Spielverderber.