Patrioidiotie

Ironie der Geschichte – da wettern Politiker der AfD, bis sie selbst ins Parlament einziehen, gegen die Parlamentarier und den Parlamentarismus als solchen wie einst die Verächter der Weimarer Republik gegen die ewige „Quasselbude“, um jetzt, da sie drin sind, eine Glanzstunde eben dieses Parlamentarismus zu erleben (zu erleiden, denn sie werden mächtig vorgeführt), nicht die erste übrigens, die kurze Rede eines der angeblich so verachtenswerten Alt-Parlamentarier, in einer Debatte zu Deniz Yücel, den die AfD pünktlich nach seiner Freilassung gerügt sehen will: Cem Özdemir verteidigt im Bundestag seine schwäbische Heimat gegen all jene, die nicht nur ihn nach Anatolien entsorgen wollen. Großartig, wie sich hier eine etwas andere Wut Bahn bricht, die der Demokratie verpflichtet ist. Leuchtende Leidenschaft zur Bohrung des äußerst dicken Bretts am äußerst rechten Rand. Wunderbar, wie er der Sitzungsleiterin kurz mitteilt, nein, er lasse keine Zwischenfrage zu. Eine „epische Wutrede“, in der Tat, mit einem Exkurs in den Fußball und die Aufklärung. „Wie kann jemand, der Deutschland so sehr verachtet wie Sie, darüber bestimmen wollen, wer Deutscher ist“. Ein Parlament, das Abgeordnete wie Özdemir hat, lässt sich nicht verachten: „Dieses Deutschland ist stärker, als es Ihr Hass jemals sein wird“.

Peinlich

Am Samstag brachte die FAZ ein Stück aus „Die 21“, dem neuen Buch von Martin Mosebach, „Die Märtyrer“ überschrieben. Mit wachsender Faszination las ich die eingehende Filmbeschreibung von der grausamen Enthauptung einer Gruppe koptischer Christen an einem libyschen Strand durch Männer des IS Anfang 2015. Sie zieht den Leser unerbittlich ins Geschehen hinein und lässt ihn in ihrer kühlen Präzison umso mehr mit den Opfern empfinden. Sie analysiert Komposition und Symbolik der Bilder, die Kraft der Farben, die Maskerade der Täter, die Resignation der Opfer. Bald wird das Meer ihr „Blut aufnehmen“ – zuvor aber hebt der Autor zu einem alttestamentarisch grollenden Monolog an, den er einem der Mörder in den Mund legt. Diese imaginierte Rede – „Worte wie diese liegen, wenn auch unausgesprochen, in der Luft“ – kommt wie ein Überfall, brutal, stark, ungeheuerlich. Anfangs las ich es noch als Filmzitat, knapp 2000 Zeichen im Geiste des Zorns auf das „unmoralische Nützlichkeitsdenken“ des Westens, Bote einer „Hoheit des Schreckens“. Dann war mir, als erhebe da einer die Stimme eines anderen, dessen Macht ihn inspiriert, den eigenen Spielraum auszudehnen, auszusprechen, was er lange sagen wollte, nur eben zivilisierter, allein in Worten. „Ihr werdet von nun an wissen“, tönt die mörderische Rede, „dass eure Welt in Wahrheit schon untergegangen ist – daß auch dort, wo euch Glanz und Reichtum umgeben, nur noch Schatten sind“. Es ist, als wolle Mosebach uns sagen: Ihr sollt von nun an wissen, dass ihr nichts als Schatten nachjagt. Ist das erfrischend, groß, anmaßend, abstoßend? Wäre Lachen hier nicht deplaziert, würde ich es so kühn wie lächerlich nennen, eher klein in seiner Unangemessenheit, Vermessenheit. Eine im Wortsinn peinliche Phantasie von der Allmacht der Sprache.

Spuren der Ohnmacht

Bilder aus Florida: Die junge Emma Gonzalez hinter einem Strauß von Mikrofonen, umgeben von Mitschülern und Eltern, alle sind aufgewühlt. Ihr kurz geschorenes Haar scheint die Wut, mit der sie spricht, nochmals zu unterstreichen. Nach dem jüngsten Amoklauf in den USA twittert Trump, der Täter sei geisteskrank, und schweigt zum Waffenrecht, thoughts and prayers, wie üblich. „Wenn der Präsident mir ins Gesicht sagt, dass das eine schreckliche Tragödie war und dass man nichts tun kann, frage ich ihn, wie viel Geld er von der National Rifle Association bekommen hat? Ich weiß es: 30 Millionen Dollar.“ Gonzalez kämpft mit Tränen der Wut und einem grimmigen Lächeln, wenn Beifall aufbrandet. „Genug ist genug! Schande über euch!“ Das Publikum stimmt wieder und wieder mit ein. Das ist so rhetorisch brillant wie tief bewegend, weil es nichts anderes will als der Ohnmacht Ausdruck verleihen und der Macht der Waffen Grenzen aufzeigen.

… und jetzt scheint eine Bewegung draus zu werden.