Tautokratie

Das Impeachment, sagen Trumps Verteidiger, ist Produkt eines „ungültigen Verfahrens“, ein „eindeutig politischer Akt“, der „jedem Prinzip von Fairness“ widerspreche, „eine gefährliche Attacke“ auf das amerikanische Volk. Es ist diese Umkehrung der Energien, die immer wieder verblüfft. Ein Kurzschluss. Nicht Trump soll im Unrecht sein, sondern die ihn des Rechtsbruchs bezichtigen. Nicht er beleidigt alle Welt, die Welt beleidigt ihn. In Davos hielt er eine Wahlkampfrede für daheim, USA great again, wie der Angeber auf dem Schulhof, eine Beleidigung für alle, die gekommen waren um über die Zukunft zu reden, schließlich ging er offen Greta Thunberg an. Fuck you Greta, kleben junge Männer im Allgäu auf ihre tiefer gelegten Volkswagen. Der hochrote Trotzkopf ist die Figur der Stunde, der gereckte Mittelfinger sein geiles Zeichen, der hässliche Präpotentat als hübscher Widerständler und edler Anarchist. Letzlich sagen sie alle immer nur dasselbe: Wir sind da, wir wollen alle Macht von euch, jetzt sofort, und uns für gar nichts rechtfertigen, wie einst der absolutistische König. Wir wollen Dinge sagen, wollen zugehört werden, wollen Köpfe rollen sehen und uns wieder lebendig fühlen. In diesem Sinn führt die AfD hierzulande ihren Kulturkampf gegen den „linksgrünen Mainstream“, weil es eh klar ist, in diesem Sinn sagt Trump, wie groß er ist, weil er so toll groß ist. Das eine immerzu mit demselben belegend. Immer nur. Der Trick liegt im wilden Trotz, hinter dem sich so viele zusammenfinden, um sich selbst (und ihre Ohnmacht) zu betrauern.

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Ein Termin im Osten des Zentrums der nicht sehr großen Stadt. Ein Parkplatz wie vor einer Shopping Mall fern in den USA. Zig Kamerateams sind da, Dutzende Journalisten, versierte Blogger, jeder scheint dem andern Konkurrenz zu machen. Abseits Kids im Habitus von Gangsterrappern, ein Slang wie auf dem Schul- oder Gefängnishof, plötzlich neugierig. Autos im Kampf mit dem TÜV, Angeberautos, energische Mütter – oder nur die Nannys? – in zu großen Autos. Für Minuten schwebt eine wummernde Boombox auf dem Hänger eines E-Bikes vorbei. Ein Junge mit einer leeren Kindertrage. Ein tief hängender Lieferwagen, noch ein Lieferwagen und noch einer, alle schmutzig sprinterweiß. Es sind viel mehr gekommen als erwartet, sind nach dem Brötchen- oder Zigarettenholen einfach dageblieben oder haben sich auf den Weg gemacht. Ein Montagmorgen, ein Brennpunkt, wo alle Feuer erloschen sind, bis der nächste Aufstand kommt, wenn er wiederkommt. Eines der Viertel, die keine Zukunft kennen, keine Immobilienblase. Es ist das zweite Mal, dass wir so rausgehen, zu den Abgehängten, wie man sie jetzt lang genug genannt hat. Wir brauchen sie nicht genauso wie die Mehrheit und die Mächtigen. Ja, sagte sie, natürlich. Alle, die schon länger im Fokus stehen sollten, und jetzt passiert es halt. Die Gemeinten, ist unser Wording für die Medien. Beim ersten Mal, in Offenbach, kamen zehn Leute, jetzt sind es hundert, bald sind es tausend, Tausende, die sich von der Geschichte locken lassen, dass endlich was passiert. München Nord, Duisburg Marxloh, Freiburg Landwasser, Chemnitz. Hey, sagt eine sehr junge Frau und nimmt sie in den Arm um sie nicht mehr loslassen. Mich hast du, kriegst meine Stimme, mach was draus. Ich halte mich zurück, keiner aus dem Team springt ihr bei. Drum sind wir hier, keine Verlierer, verstehst du, wir werden Sieger sein. Ich höre die Frau schluchzen und kämpfe plötzlich mit den Tränen und frage mich schon nicht mehr, ob es Zynismus ist oder Empathie.