Schande

Der staatstragende Rebell von heute sieht den „deep state“ am Werk, wenn ihm Ermittler in die Quere kommen, ob ein italienischer Staatsanwalt oder der gnadenlos verschwiegene Robert Mueller. Und es ist ja wahr – das Recht ist tief in den Rechtsstaat eingeschrieben, bis in kleinste Instanzen und Zumutungen hinein. Ihre Verfolger abschütteln, sie einfach absetzen können selbst die selbstherrlichen Rüpeltribune des finsteren Volkes (noch) nicht, das macht sie rasend. Salvini, gegen den jetzt wegen Amtsmissbrauchs und Freiheitsberaubung ermittelt wird, spricht von einer „Schande“, dass man gegen einen Minister vorgehe, der sich für den Schutz der Grenzen seines Landes einsetze – „ihr habt eine Regierung, die die italienischen Bürger bis zum Ende verteidigen wird“, ruft er seinen jubelnden Anhängern zu. So stimmt man das Volk in den Kampf gegen einen Rechtsstaat ein, der zu seinem Schutz geschaffen wurde. Donald Trump setzt die Justiz seines Landes von nun an eh nur noch in Anführungszeichen. All das wäre normalerweise Grund für einen sofortigen Rücktritt oder eine Absetzung durch die letzten Demokraten. Einstweilen retten uns „kleine“ Staatsanwälte, unerschrockene Ermittler – solange sie es können.

Syracuse, NY

Der amerikanische Rust Belt ist berüchtigt, nicht erst seit sich die Mehrheit seiner Bürger von den Demokraten abgewandt hat um einen Trump ins Amt zu heben. Detroit, Cleveland, Buffalo legen dramatisch Zeugnis davon ab, wie great die USA schon lange nicht mehr sind. Anders als im Ruhrgebiet oder dem Saarland verrotten hier die alten Industrieanlagen inmitten früherer Malochestädte gar nicht malerisch oder nur gebändigt, sondern roh und niederträchtig, wie schärende Wunden. Dazu verfallen die schönen alten Wohnquartiere, Brachland wächst überall, und das Neue, sofern es denn noch kommt, wird Meilen weiter in den Sand gesetzt. Auch in Syracuse, New York, ist die Downtown an einem Samstag wie leergefegt, die Geschäfte haben zu, die Parkpaläste sind leer, es gibt noch Wohnhäuser, nur fast ohne Bewohner, ein paar Gestalten, ja, doch sie irren umher und wirken wie Zombies aus einem Film von George A. Romero, nur nicht so nett. Extrem abgemagert, mit gesenktem Kopf und schlaff herabhängenden Armen, verlorene Wesen, von Drogen zerfressen, wie auf der Stelle tretend, sich immerzu wiegend, nicht mehr von dieser Welt, so mitleid- wie furchterregend. Sie fordern Geld, sofern sie noch die Kraft dazu haben, oder starren mit leerem Blick durch die Scheiben eines Cafés, in das wir uns flüchten. Zwei, drei weitere Besucher scheinen wie wir nur auf den Augenblick zu warten, da man unbeschwert weiterziehen kann. Später, Meilen entfernt, eher schon draußen vor der Stadt, stoßen wir auf eine Mall, die sich gerade mit grellem Leben füllt, einem Leben von einem anderen Stern, das mit Downtown nichts zu schaffen hat. Natürlich fällt mir  Romeros „Dawn of the dead“ von 1978 ein, in dem eine gewaltige Menge Zombies ein paar letzte versprengte Menschen bedrängt, die sich in einer grotesken Shoppingmall verschanzen. Romero hatte diese bösen Bilder, in „Night of the living dead“ von 1968 taucht am Ende ein Zombiejäger auf, im Morgengrauen, ein weißer Rassist, der „irrtümlich“ den letzten Überlebenden der fürchterlichen Nacht, den schwarzen Helden, erschießt. In der irren Wirklichkeit von heute scheint das reiche Zerstörungswerk der Opioide diese Bilder noch übertrunpfen zu wollen, um dem einst stolzen Syracuse oder Cleveland oder Buffalo mit ihren höhnischen Brachflächen den Rest zu geben.

Letzte Macht

Am Ende der Pressekonferenz von Trump und Putin zum grotesken halb geheimen Gipfel von Helsinki: Ein Journalist steht auf, eine Frage an beide Präsidenten, genau genommen sind es zwei, die erste nach dem russischen Hacker-Angriff auf die Wahlen in den USA, die zweite nach dem berüchtigten Kompromat gegen Trump. Man sehe sich die Szene noch einmal an – da erhebt sich jene Ohn-Macht, die wir einst „die vierte“ nannten, wider die Lüge, an die sich die Welt längst gewöhnt, unter zig Kollegen, um im dichten Nebel aus Propaganda, Chuzpe und Menschenverachtung nach der Möglichkeit einer Wahrheit zu greifen wie der Ertrinkende nach dem Treibholz. Verzweifelt entschlossen, berührend einsam, ein letztes Mal groß.