Trauerspiel

Selten sahen Sieger so verloren aus. Kein Bastamann, keine Bastafrau stand da als neue(r) KaiserIn auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses, natürlich nackt, sondern die zwiefach Gestalt gewordene Basis von nichts. Und war es nicht absolut nichts, dann doch so elend wenig, dass die Gesichter ringsum grau und fahl wurden, während die eine ihren dürren Arm auf die schmale, runde Schulter des anderen legte, zentnerschwer, von oben herab im doppelten Sinn, weil sie größer ist und als einzige ehrlich triumphierte, so tapfer klapprig, als müsste jeden Augenblick alles in sich zusammenbrechen. Es geht hier nicht um Empathie für Olaf Scholz oder eine Kritik des Hinterzimmers, aus dem Kevin Kühnert nicht mal mehr herauskam, mir ist auch nicht nach Häme gegen die Reste der SPD und der „großen“ Koalition zumute. Mir kamen eher die Tränen – die einst stolze Partei des Aufbruchs und der Morgenröte, vollkommen machtentleert, herrlich wie die Resopalschicht auf dem Zweckmöbel eines beliebigen Arbeitszimmers, verhärmt, verbittert, international wie der abgelegenste Ortsverein. Vorwärts schreiten, kämpfen, radikal sein? Es sah viel mehr nach kurz mal Anhalten, Ausruhen, nach Zahnwurzelschmerzen, nach dem Ringen um einen letzten Atemzug aus.

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Ganz allmählich hatte ich mich aus der Welt treiben lassen, wie in Zeitlupe, von aller Strömung fort, in wilden Strudeln, hatte mich in Buchten, Nischen verdrückt, mehr und mehr von den Menschen weg, die ich auch vermisste, und mich in einen euphorischen Zustand hineingesteigert, der sich von Wut nährte, von elender Scham, wildem Hass und dieser brennenden Wut auf die, die mich hatten abtreiben lassen, die mich nicht mehr kannten, die mich nicht kannten, die mich töten wollten. So saß ich eines trüben Mittags am Rand der Lichtung vor dem Trailer und trank von dem Spätburgunder, den mir mein Freund besorgt hatte. Der Himmel grau, eher dunkel- als hellgrau. Das Telefon hatte höchstens mal Netz, wenn nicht zu viel Wind aufkam. Es vibrierte schon lange nicht mehr, kein Produzent rief noch an. Die Welt hatte einfach zu schweigen begonnen, und ich schwieg zurück. Wenn kein Hahn nach mir krähte, wollte ich das Bellen der Rehe aus dem Wald hören, böse Laute wie von heiseren Hunden. Ich war betrunken, als der Anruf kam. Aus Berlin, von wo sich seit Jahren nur 0800 meldete. Ich nannte nicht mal meinen Namen, sicher hatte sich jemand vertan. Legen Sie nicht auf! Ich legte nicht auf, vielleicht ein Fehler. Wo sind Sie gerade? Sie hatten sich nicht verwählt. Können Sie reden? Und wie ich das konnte.