Tremendous

Der Livestream wird zum Feind meiner Gegenwart. Heute dank des amerikanischen Präsidenten, der im Weißen Haus Nachlese hielt zur Midterm-Wahl. Die Crowd hungriger Journalisten vor dem Einzigen, der seiner ranghöchsten Gegnerin, Nancy Pelosi, zum Sieg gratuliert – um nicht von Niederlagen zu sprechen -, der die Demokraten zu einer Zusammenarbeit einlädt, die wohl eher Unterwerfung wäre, der seinen Machtanspruch herzeigt, splitterfasernackt, wenn er missliebige Journalisten anfaucht, sie sollten sich setzen – mit dem Gewicht von hunderttausend Oberlehrern, nur lange nicht so duldsam. Sein Kniff: Er wartet kaum je das Ende einer Frage ab, um sich zu einer Antwort aufzuschwingen, die ihn hoch hinaus führt, irgendwohin, Florida, Georgia, wo die Kandidaten der Republikaner siegten. Er wirkt angriffslustig, taufrisch, fast ironisch nicht sympathisch, offen zynisch, wieder und wieder selbstherrlich ignorant. Die Journalisten kommen ihm nicht bei, in seiner Härte ist er allen immer den einen Schritt, den einen Gedanken, die entscheidende Chuzpe, das nächste Selbstlob, die enorme Häme voraus: ein blitzschneller Kämpfer, beseelt von der Schlacht, zu der die andern sich erst tragen müssen.

Schöne Grüße

Friedrich Merz? Ich wusste nicht mehr, wie er klingt, wenn er zu den Medien spricht. Ja, er spricht klug, wie jetzt so viele schreiben, aber mit dem Trotz eines Mannes, der das letzte Wort hat. Mir ist eh, als erhöben sich seit Montag die Abgehängten der hiesigen Eliten, um zu zeigen, dass diese Frau im Kanzleramt ein einziger großer Irrtum war (nur ein fernes Echo von Salvinis „schöne Grüße an die Merkel!“). Ich kann nicht umhin, Merz‘ verbissenen Todernst im Spiegel von Merkels beinahe lässiger Abdankung zu sehen.

Erosion

Wie wir uns empören, wenn Donald Trump im Wahlkampf, der nicht mal seiner ist, fordert, den 14. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung zu streichen, das für das Einwanderungsland USA klassische Staatsbürgerrecht qua Geburt; wenn die Italiener jetzt die Presse „entgiften“ wollen (die neu vulgäre Regierung spricht vom Kampf gegen die Propaganda der Eliten) – gleichschalten; wenn Ungarn gegen Obdachlose ein Gesetz erlässt und ein erstes Urteil ergeht, das einen Mann auf der Straße zum Verbrecher macht, um ihm im Knast die letzte Würde zu nehmen – von „Asozialen“ sprachen einst die Nazis und warfen sie ins Lager. Wie wir uns kaum mehr empören, wenn das Grundrecht auf Asyl in Frage gestellt wird und schon lange steht – „politisch Verfolgte genießen…“ was? -, wie wir einfach zusehen, wenn das Grundrecht immer noch etwas mehr zur Diskussion gestellt und geschleift wird – auf dass der „weiße Elefant im Raum“ endlich einmal erlegt werde (wie Jens Spahn das Thema Migration nennt, der die CDU „neu starten“ will, ohne sie „nach rechts zu rücken“ – weil dort dann kein Platz mehr wäre?). Die Erosion des Gleichmuts – nein, wir sind nicht besser, nur (noch) nicht so laut.