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Sie war schon jung sehr präsent, in allen Foren, außer den rechten natürlich, auch analog war sie bald ein Star und blickte einen durch das Auge der Kamera mit der Ruhe der wahren Charismatikerin an, sie konnte mitreißend reden, gestikulieren, konnte streiten, wunderbar, um dann doch versöhnlich zu sein. Mir war sie, ehe ich sie kennen lernte, suspekt. Mit ihrem grell schwarz gefärbten Haar wirkte sie künstlich und doch zugleich authentisch, irgendwie, ich schrieb: „antiauthentischauthentisch“ dazu in einer Glosse. Sie hatte sie gelesen. Ehe ich sie traf, war sie mir zuwider, und auch dann dauerte es eine Weile. Sie war so furchtbar smart. Nicht smart wie unsympathisch glatt. Sie war smart im guten Sinne – offen, umgänglich, mit allen Wassern gewaschen. Doch war mir smart schon immer suspekt, das immerzu Dasein oder erst Auftauchen, im Fernsehen, in der Zeitung, online irgendwo. Sie strahlte exakt jene Ruhe aus, die aus dem tiefsten Innern kommt, einfach kommen muss – jemand mit einer Mission, die so sehr überzeugt, dass man nicht mal mehr wirklich missionarisch werden muss. Die Mission ist einfach da – wie man selbst. Sie setzte ihre Punkte so klar, dass bald jeder Widersprach erlahmte. Sie stellte Thesen auf, denen nur Bedenkenträger etwas entgegensetzten –  wer trug schon noch Bedenken. Alle wollten bloß noch radikal sein, doch sie war es auf die angenehme Weise, mit jener bezwingenden Wirkung, die nur jenen eigen ist, die ohne Angst sind, vollkommen ohne Angst und Furcht sowieso. Sie konnte hart werden, wenn es sein musste, aggressiv, und war doch nie beleidigend. Sie gab sich weich, wenn es nötig war, und nahm doch nie etwas zurück. In den Talkshows hatte sie Antworten parat, die in ihrer Schlichtheit überraschten. Sie spürte einfach, wie viel Energie ein Gespräch, eine Kampagne, ein Wort noch brauchte – oder nicht mehr verdiente. Ihr Sinn für das Lohnende und das, was dann doch nichts mehr brachte, hätte verletzend gewirkt ohne ihre gnadenlose Liebenswürdigkeit. Mit neunzehn hatte sie eine Klimakampagne in ihrer Stadt organisiert, als alle noch darüber schliefen, mit einundzwanzig ihren ersten Aufsatz in der ZEIT gehabt, „Der alte weiße Mann und die alte weiße Frau“, mit Mitte zwanzig hatte sie schpn den Glutkern ihrer Partei erreicht, der sie zwei Jahre zuvor erst beigetreten war. Sie war kaum über dreißig, als sie meine Hilfe begehrte, und natürlich noch smarter als zuvor, wenn auch nicht smart genug, um nicht auch die Waffe des offenen Streits, der Polemik und des Kampfes zu suchen. Sie brauchte etwas von meiner Sprache oder meinem Ton, meiner Bosheit, der Neigung zur Konfrontation, meiner wilden süßen Kampfeslust.  

Bittere Lust, meinen Sie, wie meinen Sie das, überhaupt?

Wie ich es sage – ich will deinen Furor, ich brauch etwas fürs Grobe, jetzt da die Sitten rauer werden.

Furor fand ich gut. Besser als smart. So kam ich ins Spiel.