Mutter Staat

Unser Vater, der Rechtsanwalt und leidenschaftlicher Strafverteidiger war, brachte schon uns Kindern bei, wie wenig dem Staat zu trauen sei. Die Macht über kleinste Verfahren lade nun mal zum Misssbrauch ein. Oft genug klingelte bei uns zuhause das Telefon und ein Mandant, der die Polizei im Hause hatte, verlangte mit Tränen in der Stimme nach meinem Vater. Obwohl zutiefst konservativ, war er qua Profession Gegenspieler von Polizei und Staatsanwaltschaft und hatte verinnerlicht, dass Staatsrecht auch Recht wider den Staat sein muss. Einst riet er mir, dem Finanzamt die Antwort zu verweigern, das wissen wollte, wie ich von wenigen hundert Mark im Monat lebte. Das ist meine Sache, sollte ich zurückgeben, ich lasse mich nicht ausforschen. Eine Lehre, an die ich jetzt wieder denken muss, da wir nach Sicherheit rufen und kaum jemand sagen würde, der Staat handelt zu stark, zu schnell – außer Simone Peter, die sich für ihre Fragen nach der Kölner Silvesternacht entschuldigen musste, oder ein paar ewig gestrig Liberale, die unsere Daten verteidigen. Die politische Krise infolge der Flucht und der internationale Terror machen es möglich: Wir werden demütig, selbst leiser Zweifel an der Macht erntet lauten Protest, ja Hohn und Hass. Die Not scheint selbst aus alten Feinden Staatsfreunde zu machen.

Es gibt sie noch

Früher waren Herrscher aufbrausend oder milde, ganz nach Laune, willkürlich wie es dem Willkürherrscher ziemt. Dann kamen die Wahl, die Parlamente, Repräsentation und Amtsenthebung, und die Willkür schwächelte. Kein fürchterlicher König mehr, der zum Frühstück ein paar Köpfe rollen ließ, keine Königin, die den Armen den Verzehr von Kuchen empfahl. Im dritten Jahrtausend schien mit Obama, Hollande, Merkel & Co alles perfekt – die Macht war tatsächlich mit uns. Und jetzt kommt Donald Trump, um die Welt, wie wir sie kannten, in 140 Zeichen zu zerlegen. Ein Atomsprengkopf auf Twitter. Nichts, niemand scheint vor ihm sicher, auch NATO und UN nicht, Firmen wie Staaten zittern vor seinem Daumen, wer ihn kritisiert, bekommt seinen Zorn zu lesen. Ein dumpfes Grollen hinterm Horizont des 20. Januar 2017. Bevor wir aber das Ende von Diplomatie und Good Governance beklagen, halten wir einen Augenblick inne: Woher kommt das Grauen, aber auch die Lust ob dieses President-elect? Von dem Gefühl, dass da einer nach alter Art herrschen könnte, vital zupackend, wie mit bloßen Händen, rasend effektiv und willkürlich, ein raubeiniger Politberserker, ein Machthandwerker wie aus dem Manufactum-Katalog, zu finden zwischen Handspaten und Schuhen aus Pferdeleder. Es gibt sie noch, die guten Dinge, für den Moment, da alles neu werden soll und es schmutzig werden könnte…

Symbole

Weh dem, der Symbole sieht, schreibt Samuel Beckett zu „Watt“, seinem klar verrätselten Roman aus den frühen 1940er Jahren, als die Welt noch wirklich dunkel und das Unglück faktisch waren. Derzeit schimmern überall Symbole. Als Merkel sagte: „Wir schaffen das“, setzte sie ein Zeichen der Menschlichkeit, das so weit strahlte, dass nun alle Opfer eines Anschlags, jeder Flüchtling, der ein Verbrechen begeht, zu Merkels Toten und Merkels Täter werden. In postfaktischer Zeit, da die Wirklichkeit weniger vermag als all die Zeichen, die uns verwirren, werden Symbole alles und kann alles zum Symbol werden. Die Macht trägt schwer an den Worten und Bildern, die ihr das Geschäft erleichtern sollen, aus den Mächtigen werden vom Zufall Getriebene, weil alles zum Menetekel werden kann, einem letzten Faktum. Weh uns, die wir Symbole sehen.