Es gibt sie noch

Neulich habe ich in diesem blog zurückgeblättert, um mit Schrecken zu sehen, wie viel Platz darin Donald Trump einnimmt. Aus tausend schlechten Gründen. Heute nur so viel, nachdem ich schon seinen alle Frauen verhöhnenden Angriff auf Christine Ford beim Wahlkampfauftritt in Southaven, Missisippi, nicht zum Anlass einer Ohnmacht nahm (hinter ihm der Jubel feister weißer Männer und peinlich vieler Frauen): Es gibt sie noch, die guten Amerikaner – Christine Ford oder die beiden Aktivistinnen, die Senator Flake im Fahrstuhl festsetzten, oder zig hundert Richter, die Brett Kavanaugh allein nach seinem Jammerwutauftritt im Senat beurteilen („nicht das richtige Naturell“, „Mangel an richterlichem Temperament“), oder Matt Damon und die Gruppe Comedians mit einem Reenactment jener desaströsen Senatssitzung – „I am a keg half full kind of guy“. 

Nacht

Wieder zu viel Radio gehört, halb wach und halb im Schlaf, von zwei Uhr vierzehn an. Die ARD-Radionacht, aus Halle an der Saale, alle fünfzehn Minuten nochmal die Welt. Wild huschte durch meinen Traum, flüchtige Gestalten, die mich in Atem hielten, bis ich wieder wach wurde und die Verkehrsmeldung noch einmal mit Bewusstsein hörte: A72, nach einem Wildunfall, immer noch laufen Wildschweine über die Fahrbahn. Als wäre es ungeheuerlich, als hätte man ihnen nicht gesagt, dass so etwas nicht geht. So wurden die armen Schweine in meine Traum zu Monstern, schwarz, groß, wild hinter mir her. So werden in mancher Nacht Politiker zu Helden, Fußballer zu halben Freunden und Menschen aus der Uckermark zu Protagonisten einer Geschichte, die ich nicht wiedergeben könnte, zigfach aufbereitetes Leben, in komische Träume gesperrt, Nachtgestalten, die selten einen Schatten werfen.

Tränen

Magie des Livestreams: ein Tag im Justizauschuss des Senats zu Washington, ein Hochamt der Republik im Tiefseegraben einer tief gespaltenen Gesellschaft. Gefühle verdichten sich zu Sätzen, die wir im Merkelland nie hören werden, Tränen fließen. Die Demokraten zielen auf den Präsidenten, der dumm genug war (und bleibt), sich auf die Seite des Kandidaten zu schlagen, und damit die Frauen, die diesen bedrängen, der Lüge zu bezichtigen. Christine Blasey Ford legt ihren Eid ab, zittrig hinter einer großen Brille, die immerzu beschlagen scheint, und beginnt unter Tränen Bericht zu geben, einen, der alles „Authentische“ in den Schatten stellen wird. Tief verstört, so stark wie verletzlich, dem Druck der Situation irgendwie gewachsen, erzählt sie, was ihr vor 36 Jahren, als 15-Jähriger, geschehen ist. Noch dem härtesten Republikaner treibt es Tränen in die Augen. Es ist ein Auftritt vor der ganzen Nation, via Lifstream vor der vernetzten Welt, und ich mittendrin – Zeitzeuge, Voyeur. In den ersten Stunden scheint der Streit der Parteien zu ruhen, die Senatoren halten feierliche Reden, großartig erzählt, verknappt, getragen von demokratischem Pathos, Christine Ford habe alle erleuchtet, „your brilliance is a light“, Millionen Amerikaner, Frauen wie Männer, hätten Tränen vergossen, „you are a true patriot“, sie verdiene die Dankbarkeit des ganzen Landes, „you are speaking truth“. Diese Frau, die jeden Augenblick die Fassung verlieren könnte, auch dank der Attacken aus dem Weißen Haus und der wüsten Drohungen im Netz, hält stand. Wie soll der Kandidat, Brett Kavanaugh, all dies je wieder abschütteln? Er nimmt Platz und schreit seine Anklage heraus, schnieft und schluckt und schluchzt, ein Getriebener und Gejagter, ein Opfer, das wild seine Unschuld beteuert und wieder und wieder mit den Tränen kämpft, wenn ihn die Wut übermannt, wenn er die Liebe von Menschen beschwört, die ihn wirklich kennen, oder einen Brief zitiert, von 84 (waren es 24?) Frauen, die unter ihm gearbeitet haben und nun seine Integrität beschwören. Dies sei eine politische Kampagne, klagt er, mit der ihn die Demokraten erledigen wollen, nichts anderes. Nun gehen die Lager aufeinander los, acht Stunden wird die Befragung dauern, eine Schlacht. Trump twittert: „stark, ehrlich und fesselnd“ sei der Auftritt seines Kandidaten gewesen. Die Tränen der Christine Ford zeugten von einem Trauma, die des Brett Kavanaugh von Wut und Scham, die des Zuschauers von der  Wucht dieses politischen Theaters. Am meisten hat mich wohl erschüttert, dass der Kandidat nur Tränen für sich selbst hatte.