Weidmannsheil

Als Thilo Sarrazin einst ins Münchener Literaturhaus kam, um sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu präsentieren, war der Saal ausverkauft, viele scheinbar liberale Köpfe kamen, in Würden ergraut, um dem Autor zuzujubeln und seine Kritiker auf dem Podium zu verhöhnen. Man wird doch noch sagen dürfen, lautete der Tenor. „Was gesagt werden muss“ nannte Günter Grass sein Schmähgedicht gegen den Staat Israel. Man wird doch noch wählen dürfen, sagten sich 12,6 nur mäßig überzeugte Prozent am 24. September 2017 und wählten den kalkulierten Tabubruch, die meisten ohne ein Bewusstsein für das Drama, das sie befeuern und das kaum zu kalkulieren ist. Man wird doch noch dürfen, sagen die Volksflüsterer. Aber man darf ja längst. Alles. Was ich jetzt auch mal sagen dürfen will: Nein, wir Deutsche sind nicht gut geworden – human, weltoffen, zutiefst demokratisch – und waren es nie. Wir sind böse geblieben, wir sind es, wenn wir einfach zuhören, wie einer am Wahlabend schreit: wir holen jetzt „unser Land“, „unser Volk“ zurück. Das Volk kann er haben. „Wir werden sie jagen“, schrie er. Weidmannsheil? Wir werden sie nicht jagen lassen.

(aus meinem nicht ganz ohnmächtig gestimmten Nachwahlkommentar im Kulturjournal von Martina Bötte-Sonner auf bayern2, 1. Oktober, ab 18 Uhr 05, im Podcast nachzuhören)

Weidmannsheil

 
 
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